Stoffwindeln,  Wickeln,  windelfrei

Artgerechtes Wickeln

„Mein Baby bekommt nur dreimal am Tag eine neue Windel – morgens, mittags und abends vor dem Schlafen gehen“. Fake? Leider nicht – genauso passiert in einer meiner Beratungen. Ich konnte es ehrlich gar nicht glauben, dass es sowas gibt. Zuerst dachte ich, es sei ein (schlechter) Scherz. Aber nein. Und dann fing ich an nachzudenken.

Warum wickle ich mein Baby nur dreimal am Tag? Ich finde es entwürdigend – ich wünsche mir ja auch, sollte ich mal alt sein und eine Windel benötigen, dass ich nicht stundenlang mit einer vollen Windel im Bett liegen muss. Keine Frage, diese Mama ist sicher keine „schlechte“ Mutter. Und das Kind wird davon (höchstwahrscheinlich) keinen Schaden nehmen.

Aber es ist entwürdigend. Es ist respektlos dem Baby gegenüber. Es ist nicht artgerecht.

Aber was heißt das überhaupt – artgerechtes Wickeln?

Durch Aufschreien oder Quieken machen Babys das Bedürfnis nach dem Ausscheiden bemerkbar. Genauso wie frischgebackene Eltern die Signale ihres Babys für Hunger, Durst, Nähe mit der Zeit deuten lernen, können auch die Signale für Pipi und Kacka gelernt werden. Gerade anfangs im Wochenbett, wo sowieso jede Aufmerksamkeit beim kleinen Nachwuchs liegt, stellt dies keinen großen zusätzlichen Aufwand dar.

Die im englischen „ellimination communication“, zu Deutsch „Windelfrei“, basiert genau darauf – dem natürlichen Ausscheidungsbedürfnissen des Babys nachzukommen und ihm nicht – wenn auch unbewusst – „anzutrainieren“, dass die Windel seine Toilette ist. Um dann nach 2, 3 oder erst 4 Jahren zu sagen, dass eben die Toilette die Toilette ist. Und nein – dies ist bitte nicht zu verwechseln mit Töpfchen Training oder diesen Horrorgeschichten aus der (Nach)Kriegszeit, wo Babys und Kleinkinder so lange auf dem Töpfchen sitzen bleiben mussten, bis sie endlich irgendwas da rein gemacht hatten.

Der erste Produzent von Wegwerfwindeln brachte diese in den 1950ern auf den Markt. Sie „revolutionierten“ die Babypflege, wie es heute noch auf deren Homepage zu lesen ist. Aus dem Markennamen ist das Wort „pomper“ abzuleiten, was so viel heißt wie verwöhnen. Mütter sollten demnach verwöhnt werden, weil sie weniger Arbeit mit den Windeln hätten. „Eine Windel, die Babys trocken hält und Eltern glücklich macht“. Klar, dass man sich mit solchen Slogans die Konsumenten angelt – wer wollte nicht glücklich sein und endlich keine Windeln, Bettwäsche und Kleidung auskochen müssen. In den 1990ern die „Revolution“ – endlich gab es eine Windel mit Superabsorber – sie konnte NOCH mehr saugen, man musste sein Baby weniger oft wickeln, kein mühseliges auskochen von Windeln, Kleidung und Bettwäsche mehr.

Aber: wenn wir genau hinschauen, wissen viele Eltern z.B. genau, wenn ihr Baby mal muss – viele Babys machen Grimassen, geben komische Laute von sich. Manche machen grundsätzlich morgens oder IMMER beim Stillen.

Wieso also nicht genau dieses, bereits vorhandene, Wissen nutzen? Warum warten, bis das Baby in die Windel gemacht hat, und nicht einfach ein Töpfchen drunter halten oder zur Toilette gehen? Spart nicht nur Windeln, sondern auch Stinkemüll. Oder eben eine Stoffwindel weniger, die man waschen und aufhängen muss.

Immer wieder hört man aber, dass ein Kind erst ab einer gewissen „Hirnreife“ seine Schließmuskel kontrollieren kann, Babys wissen überhaupt nicht, was da passiert. Stimmt aber nicht – von den weltweit vorhandenen Babys sind nur etwa 10% davon Wickelkinder.  Alle anderen werden viel getragen, wohnen meist in wärmeren Ländern und leben im großen Familienverband zusammen. Diese Babys sind in so einer innigen Symbiose mit ihren Bezugspersonen, dass diese sofort auf das kleinste Signal reagieren.

Aber was gehört denn jetzt zum artgerechten Wickeln?

  • Wickle dein Baby alle 1 – 2 Stunden, wenn möglich. Wieso? Versetze dich in seine Lage – wenn du jemals in die Situation kommst, dass du Windeln aufgrund von Inkontinenz brauchst, wärst du bestimmt auch froh, wenn du diese gleich gewechselt bekommst und nicht erst in 4 Stunden.
    Natürlich sollst du nicht jede Stunde in die Windel schauen. Und wenn dein Baby nachts 12 Stunden durchschläft, musst du es auch nicht wecken, um zu wickeln. Aber: wenn ich weiß, dass mein Baby in die Windel gemacht hat und es sich unwohl fühlt, dann komme ich dem Bedürfnis nach Sauberkeit nach.
  • Meist pinkeln Babys, sobald die Windel ab ist. Eine super Gelegenheit, hier gleich mal das Abhalten zu probieren. Windel runter – übers Töpfchen halten und los geht’s.
  • Wenn du Vollzeit auf die Windeln verzichten willst, kannst du dir z.B. Split Pants besorgen – Hosen mit Schlitz, die du einfach zur Seite schiebst, wenn dein Baby muss. Auch solltest du keine Bodys oder Strampler verwenden. Hier dauert es deinem Baby meist zu lange, bis du das alles ausgezogen hast und es übers Töpfchen, die Toilette oder gar den Busch halten kannst.
  • Handling. Ja, richtig gelesen. Die Art, wie du dein Baby hinlegst, ausziehst, wickelst und wieder anziehst und schlussendlich hochhebst ist ebenso wichtig, wie auf alle anderen Grundbedürfnisse deines Babys einzugehen.
    In der Fachsprache „Kinästhetik Infant Handling“ – umgangssprachlich Baby Handling – beschreibt die Art, wie wir die Körperwahrnehmung und die motorischen Fähigkeiten des Babys fördern können – vor allem bei Frühgeborenen, aber natürlich auch bei „gesunden“ Babys. Ziel ist es, Impulse zu geben, die das Baby dazu bewegen, mitzuhelfen und miteinzubeziehen.
    Beim Baby Handling wird das Baby also animiert mitzumachen – somit förderst du dein Baby bereits früh, sich zu bewegen, mutiger zu werden und selbstständig zu sein. Wenn du dies bis zum 2. Geburtstag immer wieder anwendest, wird dein Baby mehr Vertrauen in seinen Körper entwickeln, sich mehr zutrauen und ein starkes Selbstbewusstsein entwickeln.
    Und ja – manchmal muss es einfach schnell gehen und dein Baby wird nur passiv am Wickeltisch liegen und sich einfach anziehen lassen. Jedoch solltest du immer wieder versuchen, obiges anzuwenden. Statt schnell, schnell in die Kleidung stopfen, damit ihr sofort spielen könnt, könntet ihr ja bereits aus dem Anziehen ein Spiel machen.

Welchen Vorteil hat das artgerechte, oder auch bedürfnisorientierte, wickeln – vor allem auch mit Stoffwindeln?

  • Euer Baby behält das Gefühl dafür, dass etwas passiert, wenn es passiert. Da die Flüssigkeit nicht sofort in Gel umgewandelt wird, spürt es die Feuchtigkeit. Und nein, Babys brauchen keinen trockenen Po. In einer Stoffwindel ist es um 2 -3 Grad kühler, als in einer Wegwerfwindel. Der Urin kühlt ab und kühlt somit auch gleich den Windelbereich mit. Dazu gleich weiter zum zweiten Vorteil:
  • Weniger Ausschlag, Dermatitis oder Pilz. Windeldermatitis entsteht, wenn Urin und Stuhl bei Wärmestau und Luftausschluss den weichen Windelbereich reizen. Wunde, schmerzende Stellen können entstehen. Das pudern oder ständige cremen hilft da nur bedingt. In einer Studie wurde nachgewiesen, dass chinesische Babys den trockensten Windelbereich haben, deutsche den feuchtesten.
  • Meistens sind Stoffwindel-Babys früher sauber, als Babys, die mit Wegwerfwindeln gewickelt werden. Seit es Wegwerfwindeln gibt, dauert die Zeit bis zum Trockenwerden immer länger. Lag der Durchschnitt bei knapp 2 Jahren bevor es Wegwerfwindeln gab, sind es mittlerweile 3,5 Jahre. Und mit dieser immer länger dauernden Wickelzeit wächst auch der Müllberg. Verbraucht ein Baby bei 2,5 Jahren Wickelzeit bereits eine Tonne schwer verrottbaren Nassmüll, der aufwendig verbrannt werden muss, sind es bei 3,5 Jahren bereits knapp 1,5 Tonnen. Meist ist zu diesem Zeitpunkt bereits ein Geschwisterkind vorhanden oder auf dem Weg. Wickelst du mit Stoffwindeln, kannst du das neue Familienmitglied mit genau diesen weiter wickeln, sparst Geld und tust der Umwelt einen großen Gefallen.

Natürlich seid ihr keine „schlechten“ Eltern, wenn euer Baby mit Wegwerfwindeln gewickelt wird. Ich habe meine große Tochter auch mit diesen gewickelt, da ich leider nicht darauf aufmerksam gemacht wurde. Darum geht es mir nämlich: Bewusstseinsbildung. Denn ist einem einmal bewusst, wie du mit deinem Baby in eine noch intensivere Beziehung und ihm auf Augenhöhe begegnen kannst, wirst du die Chance dazu womöglich nutzen.

Alles Liebe,

Tatjana

Quellen:
http://europepmc.org/article/MED/23182948
http://www.artgerecht-projekt.de

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